Vorträge für Gehörlose
(Unkommentierte Liste der Tipps im pdf-Format zum Ausdrucken)
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Sie möchten einen Vortrag vor Gehörlosen halten? Oder sogar einen ganzen Kurs geben? - Prima! Das Angebot für Hörgeschädigte ist immer noch so klein, dass Sie bestimmt auf großes Interesse stoßen werden.

Aber auch auf Skepsis und vielleicht sogar Ablehnung. Denn leider haben die meisten Gehörlosen vorwiegend schlechte Erfahrungen gemacht, wenn Hörende ihnen etwas beibringen wollten. Das fing mit der Schule an, in welcher es vielen Lehrern egal war, ob die Schüler verstehen, worum es im Unterricht geht, solange sie es nur stumpf nachsprechen können. Es ging weiter in der Berufsausbildung, wo Informationen meistens in Lautsprache übermittelt wurden. Versuchen Sie einmal, gleichzeitig von den Lippen zu lesen und den Inhalt zu verarbeiten... Und wenn später ein Hörender über ein interessantes Thema spricht, dann geht er meistens genauso vor wie bei einem Vortrag vor hörendem Publikum. Mal ehrlich: Das ist doch oft genug fürchterlich langweilig. Wenn Hörende dabei schon fast einschlafen, welche Chance hat dann selbst ein genialer Gebärdensprachdolmetscher, die gehörlosen Zuschauer mitzureißen? Die Folge: Gehörlose mögen keine Vorträge von Hörenden.

Leider gibt es aber nicht zu jedem beliebigen Thema einen gehörlosen Referenten. Mit ein wenig Verständnis, Einfühlungsvermögen und gutem Willen können jedoch auch Hörende ihre gehörlosen Zuschauer informieren und vielleicht sogar begeistern. Und Sie werden feststellen: Gehörlose sind ein sehr dankbares Publikum, wenn man sich an ein paar kleine Regeln hält.

Ich habe hier aus meiner eigenen Erfahrung und Unterhaltungen mit Gehörlosen eine Reihe von Tipps für hörende Referenten und Dozenten zusammengestellt:
  • Sie brauchen mindestens einen sehr guten Dolmetscher für Deutsche Gebärdensprache (DGS)!!!
    Es ist unheimlich anstrengend, von den Lippen zu lesen. Wenn Sie möchten, dass Ihr Publikum sich auf den Inhalt konzentrieren kann, muss ein Dolmetscher Ihren Vortrag in DGS übersetzen. Nehmen Sie rechtzeitig Kontakt zu dem Dolmetscher auf. Die meisten möchten ein paar Tage vor der Veranstaltung das Manuskript einsehen, um sich auf das Thema vorzubereiten. Bei langen Vorträgen benötigen Sie eventuell sogar zwei Dolmetscher, die sich abwechseln.
  • Nennen Sie am Beginn jedes inhaltlichen Abschnittes das Thema, über das Sie nun sprechen.
    Viele Gebärden sind vom Zusammenhang abhängig. Manches lässt sich nur dann richtig übersetzen und verstehen, wenn klar ist, worum es gerade geht.
  • Vermeiden Sie Ersetzungen.
    "Dann hat er ihm das gezeigt." - Hä??? In mündlichen Vorträgen ist es besser, Worte zu wiederholen, um sich klar auszudrücken. Sagen Sie ruhig fünfmal "Herr Müller" in drei Sätzen, dann weiß wenigstens jeder, wer gemeint ist. (Es gibt in der DGS eine Entsprechung für solche Sätze wie in diesem Beispiel. Aber die zu benutzen, ist Aufgabe des Dolmetschers.)
  • Sprechen Sie in normalem Tempo - nicht hastig, aber auch nicht extra langsam.
    Gebärdensprache ist eine schnelle Sprache. Ein geübter Dolmetscher kann die meisten Gedanken ebenso schnell (oder sogar schneller) gebärden, wie Sie selbst zum Aussprechen brauchen.
  • Machen Sie ab und zu an passenden Stellen eine kleine Pause.
    Falls der Dolmetscher doch einmal nachhängt, kann er zu Ihnen aufschließen. Außerdem bekommt das Publikum eine kleine Verschnaufpause. Es ist sehr anstrengend, lange Zeit auf den gleichen Punkt zu schauen. Die Augen wollen auch einmal herumschweifen.
  • Bilden Sie kurze, klare Sätze.
    Dieser Tipp gilt für jeden Vortrag, für jedes Publikum. Verschachtelte Sätze mit drei oder mehr Ebenen versteht niemand mehr - oft nicht einmal der Redner selbst.
  • Vermeiden Sie Fremdwörter, wenn es geht. Notfalls erklären Sie kurz die Bedeutung des Wortes.
    Bei einem Vortrag kommt es nicht darauf an, was Sie gesagt haben, sondern auf das, was der Zuschauer verstanden hat. Deshalb ist es besser, Sie arbeiten mit Ihrem Publikum und versuchen, alles möglichst einfach darzustellen (gilt übrigens auch für Vorträge vor Hörenden).
  • Seien Sie vorsichtig mit Wortspielen und Redewendungen.
    "To pull somebody through the cacao" ("Jemanden durch den Kakao ziehen"), versteht man nur in Deutsch. Die Deutsche Gebärdensprache ist aber eine eigenständige Sprache mit anderer Grammatik und eigenen Redewendungen. Ein sehr guter Dolmetscher kann Ihre Wortspiele vielleicht irgendwie übertragen, doch als Auflockerung des Vortrags sind sie weniger geeignet.
  • Bringen Sie Beispiele und Anekdoten.
    Lebendiger wird Ihr Vortrag durch Beispiele, die eine Sache erläutern. Kurze Witze, deren Komik im Bild liegt (nicht im Wort), kommen gut an. Gehörlose erklären häufig mit Beispielen, aus denen sie sich die zugrundeliegende Regel selbst ableiten.
  • Seien Sie lebendig. Lassen Sie Ihren Körper und Ihre Mimik den Text begleiten.
    Wenn Sie am Pult stehen und nur den Mund bewegen, wirkt das wie eine Bauchrednerpuppe ohne Ton. Der optische Eindruck wird viel schöner, wenn Sie ein wenig südländisches Temperament einbauen. Bewegen Sie die Arme, lachen Sie, schauen Sie zornig, zucken Sie mit den Achseln... Niemand wird sich daran stören, sondern es wird sympathisch wirken. Allerdings sollten Sie nicht Ihren Dolmetscher überspielen.
  • Beziehen Sie das Publikum mit ein.
    Falls es Ihnen liegt, dann lassen Sie Zwischenfragen der Zuschauer zu, oder fragen Sie selbst. Anfangs bestehen oft Hemmungen, sich plötzlich selbst ins Rampenlicht zu rücken. Aber nur durch dieses Wechselspiel merken Sie, ob Ihr Publikum die Informationen aufgenommen hat.
  • Dunkeln Sie den Raum nie völlig ab!
    Wenn Sie Dias, Filme, Overheadfolien oder ähnliches zeigen wollen, darf es niemals völlig dunkel sein im Raum! Die Gehörlosen müssen immer sehen können. Vergessen Sie nicht, dass Ihr Publikum sich visuell verständigt. Im Dunkeln sind Gehörlose von ihren Mitmenschen abgeschnitten.
  • Reden Sie nicht weiter, während Sie etwas zeigen.
    In Vorträgen für Hörende ist es üblich, einen Film oder eine Grafik zu zeigen und sie dabei zu kommentieren. Das geht bei einem gehörlosen Publikum nicht. Wo sollen sie hinschauen? Zum Bild oder zum Dolmetscher? Erklären Sie deshalb erst kurz, was Sie gleich zeigen werden. Projizieren Sie es auf die Leinwand, und lassen Sie die Zuschauer das Bild anschauen und verarbeiten. Machen Sie dann auf sich aufmerksam (Winken oder kurzes Ausschalten des Projektors), und erklären Sie einen Teil der Grafik. Geben Sie eine Pause, um diesen Teil noch einmal anzusehen. Gehen Sie dann zum nächsten Aspekt über.
  • Teilen Sie vor oder nach dem Vortrag Handzettel mit den wichtigsten Informationen aus.
    Gehörlose können nicht gleichzeitig dem Dolmetscher zuschauen und mitschreiben. Und alles merken kann sich sowieso niemand. Darum sind Hörgeschädigte dankbar, wenn Sie ihnen eine kleine Gedächtnisstütze mitgeben.
  • Lernen Sie zwei, drei Sätze in DGS.
    Falls Ihre Zeit es erlaubt, dann bitten Sie den Dolmetscher, Ihnen vor dem Vortragstermin eine kurze Begrüßungsformel ("Guten Abend. Ich freue mich, dass Sie alle gekommen sind.") und eine Abschiedsformel ("Vielen Dank für Ihr Interesse.") in Gebärdensprache beizubringen. Es ist nicht schlimm, falls Sie dabei vor Aufregung Fehler machen. Die Gehörlosen werden sich sehr über diese Geste der Anerkennung freuen. (Geeignete Beispiele finden Sie im Schnupperkurs.)



Begegnungen
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